Prüfung des Nutzerverhaltens


Um dieser Frage nachzugehen müsste zunächst eine ordentliche Wärmebedarfsrechnung aufgestellt werden1. Der dann aufzustellende Quotient Wärmeverbrauch/Wärmebedarf ergibt die sogen. Vollbenutzungsstunden. Diese Zahl liegt bei normalem Heizverhalten i.d.R. klimabereinigt zwischen 2.000 und 2.200 Stunden. Erst wenn diese Werte deutlich überschritten werden, kann das ein Hinweis auf ein gesteigertes Heizverhalten oder auch unwirksame Wärmedämmungen sein. Zu beobachten ist aber immer, dass die Vollbenutzungsstunden nach Wärmedämmungen, insbesondere der Außenwände, um 50 bis 100 Stunden ansteigen. Dieser Effekt ist physikalisch bedingt und findet seine Ursache in der "Teilbeheizung" von Wohnungen, d.h. es werden in der Regel bestimmte Räume, wie Schlafzimmer, Küchen und Flure nicht direkt beheizt2. Zusätzlich findet ein "getaktetes" Heizverhalten statt, d.h. bestimmte Räume werden nur Morgens vor Arbeitsaufnahme und am späten Nachmittag nach Rückkehr beheizt.

In den nicht beheizten Räumen sinken die Temperaturen nun nicht auf Außentemperaturniveau, sondern es stellen sich Temperaturen ein, die deutlich unter denen der beheizten Räume liegen. In der normierten Wärmebedarfsrechnung wird aber immer für alle Räume eine Temperatur von 20oC unterstellt3. Der so errechnete Wärmebedarf wird in der Praxis nicht erreicht, es stellt sich damit bei Teilbeheizung ein "effektiver" Wärmebedarf (Qeff) ein, der nach Erfahrung zwischen 65 und 75 % des Norm-Wärmebedarfs liegt. Der Quotient von Qeff/Qnorm wird auch als Gleichzeitigkeitsfaktor4 bezeichnet.

Die sich in den nicht beheizten Räumen einstellenden Temperaturen werden bestimmt durch die Temperaturen in den beheizten Räumen, der Außentemperatur, dem Wärmedurchgangswert (k-Wert) der Innenwände und dem k-Wert der Außenwände. Von diesen vier Einflussfaktoren wird durch Modernisierung mit einer Thermohaut nur der letzte Faktor verändert. Die Herabsetzung des Wärmedurchgangswertes der Außenwände verringert den Wärmestrom von nicht beheiztem Raum nach Außen, mit der Folge, dass sich in diesem Raum ein höheres Temperaturniveau nach Wärmedämmung einstellt. Damit steigt auch die mittlere Wohnungstemperatur5. Bezogen auf den "neuen" Wärmebedarf erhöht sich der Quotient Wärmeverbrauch/Wärmebedarf. (Vollbenutzungsstunden) und ebenso steigt der oben beschriebene Gleichzeitigkeitsfaktor.

Der effektive Wärmebedarf6 und der Gebäudewärmebedarf7 kann aus den klimabereinigten Wärmeverbräuchen, der langfristigen mittleren Außentemperatur bzw. der Gradtagszahl und der langfristigen Heiztagezahl bestimmt werden.

Tabelle 1 : Klimabereinigte Kennzahlen für Abrechnungseinheit

vor
Wärme-
dämmung

nach
Wärme-
dämmung

Veränderung

effektiver Wärmebedarf

kW

142

99

- 43

Gebäudewärmebedarf

kW

202

136

- 66

Vollbenutzungsstunden

h

2.071

2.149

+ 78

Gleichzeitigkeitsfaktor

0,70

0,73

+ 4%

Der Wärmebedarf nimmt durch die Dämmmaßnahmen um 66 kW ab, das entspricht einer Minderung von 33 %.

Der effektive Wärmebedarf reduziert sich um 43 kW, entsprechend 30 %. Es ist also nicht ganz das rechnerische Ergebnis erreicht worden. Dies spiegelt sich auch in der Betrachtung der Vollbenutzungsstunden und der Gleichzeitigsfaktoren wieder. Die Änderungen liegen im oberen Bereich des zuvor beschriebenen Rahmens, der u.a. durch das physikalisch bedingte Ansteigen der durchschnittlichen Raumtemperaturen bedingt ist. Ein nachlässiges oder gar verschwenderisches Nutzerverhalten ist in dieser Abrechnungseinheit nicht zu erkennen.

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1 Eine Wärmebedarfsrechnung soll auch aus ökonomischen Gründen in diesem Stadium einer Voranalyse nicht durchgeführt werden.

2 Die Teilbeheizung wird aus Kostengründen (Heizkostenverteiler!), aber auch aus Gründen des Wohlbefindens, wie z.B. das "Schlafen im kühlen Zimmer", durchgeführt.

3 Ausnahme das Badezimmer mit 22 0C

4 In einem Mehrfamilienhaus beheizen nicht alle Mieter gleichzeitig alle Räume ihre Wohnungen. Je nach Mieterstruktur sind unterschiedliche Verhaltensweisen festzustellen, z.B. Rentner heizen wesentlich gleichmäßiger als berufstätige Mieter. Bei diesen ist zu beobachten, dass die Heizung an Wochentagen Morgens vor verlassen der Wohnung und dann wieder nach Rückkehr in Anspruch genommen wird, es wird "getaktet". Ein anderes Verhalten ergibt sich bei Familien mit Kleinkindern, hier werden alle Räume "gut" warm gehalten und daraus können sich Gleichzeitigkeiten von 0,9 und mehr ergeben.

5 In einzelnen Räumen kann sich - je nach Ausgangslage - eine Temperaturerhöhung von bis zu 2 K ergeben. Auf die Gebäudemitteltemperatur bezogen, eine Erhöhung bis zu 0,5 K.

6 Der effektive Wärmebedarf Qeff kann wie folgt berechnet werden:

         

mit:

Qa     = Wärmeverbrauch der Heizperiode

ti       = Raumtemperatur (20oC)

ta min = Bezugsaußentemperatur (für Hamburg -10oC)

Gtz   = Gradtagszahl der Heizperiode

7 Der Gebäudewärmebedarf QWB kann hilfsweise wie folgt bestimmt werden:

          

mit:

QaK  = Klimabereinigter Wärmeverbrauch der Heizperiode

ti       = Raumtemperatur (20oC)

ta min = Bezugsaußentemperatur (für Hamburg -10oC)

tg      = Langfristige Heizgrenztemperatur

ta mitt = Langfristige mittlere Außentemperatur

z       = Mittlere Heiztagezahl