FLENSBURGER TAGEBLATT

Freitag, 21. Juni 2002, Seite 4

Unwirtschaftlich: Die Entzauberung
der Offshore-Windparks

Energie-Experten warnen vor Investitionsruinen in den Meeren

Kiel/Hamburg

Thomas Schunck

Die Begeisterung der Befürworter von Offshore-Windparks - Windanlagen im Meer vor der Küste - steht offenbar in direktem Gegensatz zu dem Nutzen derartiger Anlagen. Die Entzauberung hat begonnen: Der Energieexperte in der schleswig-holsteinischen Landesverwaltung, Dr. Gustav Sauer, und der Hamburger Fachmann Lothar Schedereit sprechen jedenfalls von einer grundlosen Jubel-Mentalität in Kreisen der überbegeisterten Offshore-Windakteure. In ihrer eben vorgelegten Expertise rechnen sie vor, dass es für diesen Jubel keinerlei Anlass gibt. Ihr Fazit: 0ff-shore-Windanlagen sind unwirtschaftlich, locken ohne wirklich reizvollen Hintergrund Investoren in diesen Geschäftsbereich und sind auch in der Energiebilanz höchst fragwürdig. Am Ende drohten sogar Investitionsruinen in den Meeren, für die womöglich der Steuerzahler aufzukommen habe.

Sauer und Schedereit kritisieren vor allem, dass heute ,,die Windgemeinde voluntativ bejubelt", dass energiepolitisch via Offshore-Anlagen bald alles gut werde. Im Klartext: Die begeisterten Befürworter lügten sich in freudiger Erwartung selbst in die Tasche, wenn sie von energetischen und wirtschaftlichen Gewinnen der Anlagen sprächen. Entscheidender Fehler dabei sei, dass die Offshore-Fans in allen Erwartungs- rechnungen die wichtigen Faktoren Ausfall und Wartung nicht einkalkuliert hätten. ,,Damit zeichnet sich am Horizont ein Investitionsgrab ab", stellen die Experten nüchtern fest.

Die Kritiker gehen davon aus, dass Offshore-Windenergienutzung heute sicherlich machbar sei. Die Wirtschaftlichkeit indes sei ,,zu verneinen", sagen Sauer und Schedereit. Problematisch sei, dass vor dem Hintergrund des heutigen Anlagengenehmigungsrechtes niemand gehindert sei, unwirtschaftliche Offshore-Windanlagen zu betreiben. Übrig blieben wahrscheinlich Investitionsruinen in den Meeren. Sauer/Schedereit: ,,Es bleibt abzuwarten, ob diese Ruinen alsbald der öffentlichen Hand anheimfallen". Sie vergleichen diese Schreckens-vision mit dem Fiasko geschlossener Immobilienfonds in Berlin und den neuen Ländern.

Energiepolitisch seien 0ff-shore-Anlagen zudem unsinnig, solange es die aktuellen netztechnischen Probleme gebe. Demnach gebe es Netzinstabilitäten, die in Norddeutschland von den Kernkraftwerken ausgebügelt werden müssten. Auf diesem Wege komme es zu einer notwendigen Allianz, sagen Sauer und Schedereit: ,,Kern- und Windenergie sind zwar verheimlichte, aber umso innigere 'Schwestern im Netz'." Im Übrigen unterminiere ,,das privat- investitionsgestützte Faszinosum Windenergie" die Klimaziele. Die Einspeisevergütung - gedacht als Investitionsanreiz - werde kontraproduktiv. So werde mit der Nutzung von Offshore-Windenergie diese Dauersubvention aus dem Portemonnaie der Stromkunden weitere 20 Jahre fortgeschrieben.

E-mail-Kontakte:
GustavWSauer@aol.com und
lothar.schedereit@renorga.de

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