Zeit zur Behutsamkeit
"Der Offshore-Kuchen ist groß genug für alle" - so oder so ähnlich tönt es seit Monaten entlang der Küste. Gemeint ist die Hoffnung, an dem Geschäft mit den geplanten Mega-Windparks draußen auf hoher See könne gut verdient werden - durch Bau, Wartung oder Lieferung der Anlagen und der dazugehörigen Infrastruktur. Von "Kompetenzzentren" und "Offshore-Agenturen" war überschwänglich die Rede, auch der Begriff "Goldgräberstimmung" war in diesem Zusammenhang schon zu hören.
Es ist an der Zeit, die ganze Sache mal etwas behutsamer anzugehen. Die jetzt bekannt gewordene Studie der beiden norddeutschen Energie-Fachleute, die den aktuellen Offshore-Plänen in Nord- und Ostsee unterstellen, sie seien weder wirtschaftlich tragfähig noch energiepolitisch sinnvoll, sollte Anlass genug sein. Man sollte sich daran erinnern, dass das Prädikat "ökologisch" - die Windkraft-Enthusiasten werden nicht müde, es für sich in Anspruch zu nehmen - immer auch "weniger, einfacher, langsamer" meinte.
Nicht ohne Grund ist die Windkraft umstritten, seit findige Köpfe herausgefunden haben, dass man diese Art der Energiegewinnung auch gut nach großindustriellem Muster betreiben könne. Die Akten über Streitigkeiten um Landschaftsbild (Stichwort "Verspargelung") oder Vogelschutz füllen längst ganze Regalwände. Immer höhere Rotoren, immer mehr Anlagen pro Windpark, immer stärkere Leistungen - es konnte den Erbauern und Betreibern von Anfang an nie schnell, groß, mächtig genug sein. Und bekanntlich gibt es auch gegen die aktuellen Offshore-Pläne Bedenken aus Naturschutz- oder Schifffahrtssicht.
Die beiden Kritiker mit Schadensersatzforderungen zu bedrohen oder ihnen sonst einen Maulkorb umzuschnallen, kann keine Lösung sein. Die so genannte Windkraft-Gemeinde muss sich der Kritik stellen. Oder ist sie sich ihrer Sache letztlich doch nicht sicher? Burkhard Ilschner