Von unserem Redakteur
Burkhard Ilschner
Kiel/Hamburg/Bremen. Die derzeitigen Pläne für künftige Windenergieanlagen weit draußen auf Nord- und Ostsee sind nicht ganz unbescheiden: Kleinere Windparks sollen bis zu 20, größere Felder bis zu 90 Rotoren umfassen. Dabei ist die Rede von Windrädern in Größenordnungen, wie es sie bislang kaum auf Reißbrettern gibt. Trotzdem richtet sich die Kritik der norddeutschen Energieexperten Gustav Sauer (Kiel) und Lothar Schedereit (Hamburg) nicht grundsätzlich gegen die technische Machbarkeit dieser Vorhaben.
Allerdings sehen die beiden allein durch die abseitige Lage auf hoher See sowie durch meteorologische Unwägbarkeiten erhebliche Probleme - und kritisieren, dass eben diese Risiken bislang unzureichend berücksichtigt würden. Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen steht die Frage, wie oft und wann die geplanten Windenergieanlagen (WEAn) auf hoher See gewartet oder repariert werden müssen. Derzeitige Gutachten, so die Kritiker, gingen lediglich aus von geplanten Wartungszyklen, die zudem in den Sommer- monaten lägen, sowie von Störfällen im statistischen Abstand von 18 Monaten: "Warum sich in Wirklichkeit aber die WEAn daran halten sollten, bleibt unerfindlich", schreiben sie nicht ohne Sarkasmus.
Prompt machen die beiden eine Gegenrechnung auf, die zunächst von den Dimensionen der geplanten Windparks ausgeht. Es folgt eine mathematische Analyse von Ausfall-Wahrscheinlichkeiten - "wie sie bei gleichartigen Systemen üblich ist" (Sauer) - sowie eine darauf fußende Berechnung, was die notwendige Vorhaltung geeigneter Schiffe mit qualifizierten Wartungsteams kosten wird, um jederzeit auch an mehreren Stellen zugleich reparierend eingreifen zu können. Denn nur Rotoren, die sich immer drehen, wenn der Wind es gestattet, bringen Energie - und ihren Investoren Geld.
Sauer und Schedereit kommen aber mit diesen Aufwands-Berechnungen in Dimensionen, die eben Investoren zum Weinen bringen könnten. "An Land", so erläutert Schedereit unserer Zeitung, "sind Wartungskosten vor allem deshalb abschätzbar, weil alle Windenergieanlagen jederzeit und schnell erreichbar sind". Auf See hingegen gebe es aus dem Zusammenspiel von Jahreszeiten, Tide und Wetter eine Reihe von Risikofaktoren, die bislang unzureichend berücksichtigt seien. Schedereit: "Im Ergebnis erhöhen sich die Stromherstellungskosten von (noch in alter Währung) gutachterlich errechneten 14,5 auf mehr als 21 Pfennig pro Kilowattstunde." Wobei er zugleich daran erinnert, dass die staatliche Stromeinspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, auf 20 Jahre gemittelt, bei 13,8 Pfennig pro Kilowattstunde liegt. Für Investoren bedeute das letztendlich: "Die Eigenkapitalrendite sinkt von den gutachterlich vorgerechneten 10,7 Prozent auf minus 5,5 Prozent." Schedereit und Sauer scheuen sich nicht, das Wort "Kapitalvernichtung" in den Mund zu nehmen.
Auch im zweiten Teil ihrer Philippika gegen die "Windgemeinde" gehen die beiden aus von der stark wetterabhängigen Verfügbarkeit der Rotoren auf hoher See. Sie befürchten nämlich erhebliche Probleme mit der Stabilität des Stromnetzes: Wenn so viele Anlagen mit schwankender Leistungs- Kontinuität ins Netz eingebunden werden sollen, so ihre Überlegung, werden technisch leistungsstarke Generatoren benötigt, um diese Schwankungen aufzufangen.
Zur Zeit würden diese Instabilitäten von den großen Kernkraftwerken "glattgebügelt", sie und die Windkraft seien "Schwestern im Netz". Beim geplanten Rückbau der Atomreaktoren allerdings würden für den beschriebenen Zweck in Zukunft fossil befeuerte Kraftwerke von mehr als 500 Megawatt Leistung benötigt. Das "Faszinosum" Windenergie unterminiere so die Ziele des Klimaschutzprogramms. Schedereit: "Und die als Investitionsanreiz gedachte Einspeisevergütung wird damit kontraproduktiv."
"Ich bin nicht grundsätzlich Gegner der Windenergienutzung", unterstreicht der Hamburger, "aber wenn das Geld knapp ist, muss es zunächst in die Maßnahmen gelenkt werden, die allen anderen gegenüber den höchsten Erfolg versprechen. Und das sind Energieeinsparung - durch Wärmedämmung und bessere Heizungen - oder CO2- Minderung etwa durch hocheffiziente Kraftwerke."
In der Auseinandersetzung um Sinn und Unsinn von Windparks an Land und erst recht auf See mahnte Schedereit im Gespräch mit unserer Zeitung abschließend vor allem eine ökologische Gesamtbilanz für Windenergieanlagen verschiedener Größenordnungen an: "Der im Lebenszyklus eines Rotors zu leistende Aufwand für Entwicklung, Herstellung, Aufbau, Betrieb, Wartung, Demontage und Entsorgung aller Einzelteile muss der erbrachten Strommenge gegenübergestellt werden. Ich bin nicht sicher, ob diese Rechnung positiv ausgeht für die Offshore-Windrotoren."